Standby

Einmal sagt sie so ganz nebenbei: „Vielleicht sollten wir einmal eine Pause machen.“ Er kann sie nicht fragen, wie sie das meint, so sehr würgt es ihn im Hals. An einen Auszug aus dem Haus und an eine „Trennung auf Zeit“ denkt sie dabei ja hoffentlich doch nicht. Wohl eher an eine längere Auszeit für den kleinen Giovanni.

Wie hat sie sich das nur vorgestellt? Über ein Zuviel an körperlicher Nähe kann sie sich sicher nicht beklagen. Ist sein lautloses Klagen über das Zuwenig, sein leidendes Gesicht nach Wochen der Entbehrung, sein Lechzen und Sehnen, das er doch so in sich verschließt, Grund genug, sich von ihm bedrängt zu fühlen? Ist sie seiner Nähe überdrüssig? Fühlt sie sich bedrängt von ihm, dem „sexbesessenen Egomanen“?

Ist das, und nicht sein Schnarchen, der eigentliche Grund, warum sie immer öfter das gemeinsame Schlafzimmer meidet und sich ein freies Bett irgendwo im Haus sucht, je nachdem, wer von der Jugend gerade außer Haus weilt?

Du meintest
wir bräuchten einmal
eine Pause

Ich kann aber
weder meine Liebe
noch mein Begehren
per Knopfdruck
auf Standby
schalten

Ich lebe ohnehin
schon lange
in der Warteschleife

Bitte warten
bitte hinten anstellen
zuerst bekommen
alle anderen etwas
für dich ist jetzt
leider nichts mehr übrig
bitte warten
bitte hinten anstellen

Giovanni Vandani, Standby
aus: Spiele mir auf meiner Flöte (2021)

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